Systemische Soziale Arbeit in der Gemeindepsychiatrie

User offline. Last seen 16 Wochen 6 Tage ago. Offline
Beigetreten: 26.04.2010

Liebe ForenteilnehmerInnen,

Ich habe 2009 eine Masterthesis zum Thema "Systemische Soziale Arbeit in der Gemeindepsychiatrie. Eine Untersuchung zu Modellen, Handlungsorientierungen und Methoden psychosozialer Beratung in Frankfurt am Main" erstellt.

Ich bin bereit, hierzu meine Erfahrungen und Ergebnisse der Arbeit auszutauschen.

Viele Grüße,
Bernd Steigerwald

Beigetreten: 09.07.2009
einige Ideen..

Liebe Frau Haase,
Es gibt ja Fachleute zu systemischer Sozialarbeit, wie etwa Wolf Richter, Wilfried Hosemann, Johannes Herwig-Lempp oder Walter Milowiz, die sicherlich auch gerne Defintion zu "systemischer Sozialarbeit" mitteilen.
Ich würde systemische Sozialarbeit folgendermaßen definieren:
Sozialarbeit ist dann systemisch, wenn sie auf den beiden Grundpfeilern systemischen Arbeitens fusst, diese sind: Systemtheorien der Selbstorganisation und Konstruktivismus. Systemtheorien der Selbstorganisation sind etwa die Synergetik oder die Theorie autopoietischer Systeme. (Diese beiden Theorien werden sehr gut erklärt in: Kriz, J. (1999): Systemtheorie für Psychotherapeuten, Psychologen und Mediziner. Wien: Facultas). Für empirische Arbeiten eignet sich sehr gut dia Selbstorganisationstheorie der Synergetik, da sie Konzepte bereit stellt, die Ansatzpunte zur Operationalisierung und theoretischen Einfassung des eigenen zu beforschenden Gegenstandsbereich bieten, wie etwa das Konzept der Kontroll- und Ordnungsparameter, das Konzept von Musterbildungsprozessen auf Mikro-, Meso- und Makroebene (dies wird recht anschaulich beschrieben bei Tschacher, W. (1996): Interaktion in selbstorganisierten Systemen. Assanger-Verlag).
Sie können den systemischen Ansatz aber auch schlagwortigartig folgendermaßen fassen (nach v.Schlippe und Schweitzer (2009): Systemische Interventionen. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht):
1. Ein Problem ist kein Ding an sich (interaktive und kommunikative Kontextualisierung von Problemen, Störungen, Krankheiten)
2. Wirklichkeit wird sozial konstruiert (Konstruktivismus, Sozialer Konstruktionismus, Narrativismus)
3. Selbstorganisation: Dynamik und Komplexität (Systemtheorien)
4. Erkundung von Ressourcen (Lösungs- und Ressourcenorientierung)
5. Gestalten von Kooperationsbeziehungen
6. Wertschätzung und Würdigung
Wenn Sie diese Aspekt als theoretische Grundlage Ihrer Arbeit verwenden, kann eigentlich nicht viel schiefgehen...
Soviel für heute erst einmal, schreiben Sie gerne wieder für weitere differenziertere Fragen, ich versuche zeitnah zu antworten...
Beste Grüße,
Ihr
Matthias Ochs

User offline. Last seen 1 Jahr 39 Wochen ago. Offline
Beigetreten: 31.03.2010
systemische Sozialarbeit / Dissertationsvorhaben

Hallo Herr Steigerwald,

Ihre Arbeit klingt spannend!

Ich arbeite aktuell an dem Exposé zu meinem Dissertationsvorhaben mit dem vorläufigen Arbeitstitel "Die Wirksamkeit systemischer Sozialarbeit in Zwangskontexten in der Jugendhilfe" und sehe mich vor mehrere Probleme gestellt. Eines davon ist die Frage der Definition von systemischer Sozialarbeit bzw. der Abgrenzung: Wann ist Soziale Arbeit systemisch und wann nicht? Wo fängt es an und wo hört es auf? Denn wenn ich erforschen möchte, ob systemische Herangehensweise, Haltungen und Methoden eine andere Wirkung zeigen als nicht-systemische (das ist eine meiner Arbeitshypothesen), muss ich Kriterien schaffen. Wie haben Sie systemische Soziale Arbeit abgegrenzt / definiert / greifbar gemacht?

Und dann habe ich auch an Herrn Ochs eine Frage (bzw. zunächst eine Rückmeldung zu "Kooperation und Partizipation als Kernprozesse in der Jugendhilfe"): Ihr Artikel ist für mich hilfreich und aufschlussreich. Gerade in Zwangskontexten haben Kooperation und Partizipation eine besondere Relevanz und auch Brisanz. Zudem finde ich, vor allem in den systemischen Forschungsperspektiven, viele meiner eigenen Ideen wieder. Leider kann ich all diese guten Ideen nicht umfassend berücksichtigen, da ich als Einzelpersonen nicht über ausreichend Ressourcen verfüge.

Welches Theoriekonzept kann denn aus Ihrer Sicht Grundlage für meine Forschungsarbeit sein? Mein Professor, selbst kein Systemiker, bemängelte bisher, dass ich keine ausreichende theoretische Grundlage habe. Die Konzepte der systemischen Therapie und Beratung reichten nach seiner Einschätzung nicht aus. Welche Theoriebezüge würden Sie mir vorschlagen? Ich sehe die Systemtheorie als Grundlage an.

In der Hoffnung auf Anregungen und hoffentlich auch weiteren Austausch

Judith Haase

User offline. Last seen 1 Jahr 36 Wochen ago. Offline
Beigetreten: 15.09.2009
Viele Perspektiven auf Systemische Sozialarbeit

Liebe Frau Haase,

vielen Dank für Ihre Frage und Ihr Interesse. Aus meiner systemischen Perspektive höre ich, dass Sie “Kriterien schaffen” wollen, um Systemische Sozialarbeit definieren zu können: das ist richtig so und das machen wir alle. D.h. es gibt keine “richtige” Definition von systemischer Sozialarbeit, jeder, der eine erstellt, “schafft” d.h. konstruiert sie sich – und es ist gut, dass es verschiedene Definitionen gibt, dann kann man sich jeweils eine passende (zum Zweck und Vorhaben passende) heraussuchen. Für mich sind Definitionen – wie Theorien auch – Werkzeuge, die man sich anpassen kann. Der Redlichkeit halber kann man dann auch erwähnen, dass es eben “nur” eine (von vielen möglichen) Definitionen ist.

Verschiedene Beschreibungen von Systemischer Sozialarbeit finden Sie auf der Seite http://www.sysoma.de/systemische-sozialarbeit/was-ist-das/ - möglicherweise entdecken Sie dort auch eine für Sie passende. Oder Sie finden dort noch weitere Literaturhinweise etc.

Eine der Stärken des systemischen Ansatzes ist für mich, dass er unterschiedliche Beschreibungen und Erzählungen nebeneinander akzeptiert und er mich immer wieder daran erinnert, dass verschiedene Beteiligte zu verschiedenen Zeitpunkten verschieden Perspektiven einnehmen – und damit alles immer auch aus einem (noch) anderen Blickwinkel gesehen und erfahren werden kann. Für SozialarbeiterInnen kann diese Erinnerung hilfreich sein, weil sie häufig mit vielen verschiedenen Menschen, Professionen und Perspektiven zu tun haben – und dann nicht so leicht in die Gefahr geraten, “die Wahrheit” herausfinden zu wollen. Sondern evtl. leichter verstehen können, dass jeder seine eigenen Beschreibungen und Erfahrungen hat – und sie können zwischen diesen vermitteln.

Sozialarbeit unterscheidet sich von Beratung und Therapie dadurch, dass sie viel mehr umfasst als nur Beratung: diese ist nur eine Handlungsart von mehreren, die SozialarbeiterInnen beherrschen sollten. Diese weiteren sind u.a. Eingreifen/Kontrollieren, Verhandeln/Vermitteln, Beschaffen, Vertreten und Begleiten/Einfach-nur-da-sein. Systemisch zu arbeiten bedeutet (für mich), dabei ständig zwischen den verschiedenen Perspektiven der Beteiligten springen zu können und auch die Vielfalt auszuhalten.

Aber vielleicht ist das auch eine zu schlichte Beschreibung von systemischer Sozialarbeit für Ihre Ansprüche (oder die Ihres Professors)? Und Sie finden eine andere Definition – auf dieser Seite oder woanders? Oder Sie erfinden eine ganz andere? Ich bin gespannt...

Mit freundlichen Grüßen
Johannes Herwig-Lempp

Gast
Ich bin auch gespannt wie

Ich bin auch gespannt wie sich meine Beschreibungen und überhaupt der Prozess meines Forschungsvorhabens gestalten werden. Vielen Dank für die Anregungen!

Gast
Hallo Frau Haase, ich finde

Hallo Frau Haase,

ich finde Ihre Fragestellung auch sehr spannend und für den systemischen Ansatz wichtig.

Ich antworte hier mal in Hinblick auf die Aufforderung von Herrn Ochs, und versuche, unser Wiener Konzept von Systemischer Sozialarbeit darzulegen.
Wie Sie wissen, gibt es ja sehr unterschiedliche Auffassungen des begriffes "Systemisch", immerhin konnten wir uns vor kurzer Zeit in Oldenburg (auf einer Tagung der systemisch Lehrenden an deutschsprachigen Hochschulen) darauf einigen, dass eine Grundlage des systemischen Denkens die Rückkoppelung ist und bleibt.
Unsere Vorstellung von "Sozialfall" ist nun die, dass in einem solchen Rückkoppleungsprozess einerseits das Verhalten (die MiIteilung im Watzlawickschen Sinne, d.h., dazu gehören verbale Mitteilungen ebenso wie Aussehen, Krankheiten und was sonst alles noch an einem Menschen wahrnehmbar wird) einer Person oder einer kleinen Subgruppe eine Unzufriedenheit mit dem jeweils gegenwärtigen Zustand und damit mit seiner Umgebung ausdrückt, und andererseits die Umgebung in ihrem "Verhalten" ebenfalls zeigt, dass sie mit dem Verhalten besagter Person oder Subgruppe nicht einverstanden ist. Dies geschieht dann durch Kontaktverweigerung, Umerziehungsversuche, das Nicht-Zulassen zum Arbeitsmarkt und anderen Angeboten der Gesellschaft, durch Scheidung und so weiter.
Wenn diese Mitteilungen der beiden Parteien nicht zu Veränderungen in positivem Sinne führen, so dass an Stelle der Unzufriedenheitsäußerungen wieder Äußerungen der Akzeptanz und Zufriedenheit treten, dann reproduziert sich deses System und wird dauerhaft bzw. eskaliert.
Eine solche Interaktionsstruktur entwickelt sich dann übergreifend quer über alle Funktionssysteme im Sinne von Luhmann. Luhmann hat ja selbst auch auf diese Möglichkeit hingewiesen.
Und unter Sozialarbeit verstehen wir die Aufgabe, in der Gesellschaft solche Konfliktsysteme, die ja beiden Seiten Nachteile bringen, auflösen zu helfen.
Methodisch sind hier keine Grenzen gesetzt, jede Methode, die in der Lage ist, in solche Konfliktsysteme zwischen großem und kleinem Subsystem Änderungen einzuführen, ist systemisch gesehen sinnvoll. Es ist dabei völlig egal, wo die Änderung ansetzt. Ob irgeneine Institution, die mit dem Fall befasst ist, durch eine neue Information veranlasst wird, den Klienten anders gegenüberzutreten oder ob die "betroffenen" Personen irgendetwas an ihrem Verhalten ändern können, oder was sonst: Wenn es in Richtung Auflösung des Konfliktes führt, dann war es eine sinnvolle Intervention.
In diesem Sinne ist auch die Klientel der Sozialarbeit nicht der oder die "indizierte KlientIn", sondern das gesamte System, das hier Energie in einer fruchtlosen Auseinandersetzung verbraucht.
Zur Abgrenzung zu "nicht-systemischer" Sozialarbeit kann man nur sagen, dass, wenn aus den Augen verloren wird, dass das Problem ein beidseitiges ist und nicht ein vordefinierter zu behebender Fehler auf einer Seite ist, wenn Sozialarbeit sich als Ausführendes Organ einer Seite dieses Konfliktes versteht, dass dann nicht mehr von systemischem Denken gesprochen werden kann (auch dann nicht, wenn dabei Methoden aus dem Köfferchen von SystemikerInnen eingesetzt werden).

Wenn Sie sich mit diesem Denkmodell weiter befassen wollen, stehe ich gerne für weitere Fragen zur Verfügung.

Zu lesen gibt es dazu mein Buch "Teufelskreis und Lebensweg", das kürzlich neu aufgelegt wurde, und einiges auf der Homeage unseres Vereines: www.asys.ac.at.

Mit freundlichen Grüßen,

Walter Milowiz

Gast
Hallo Herr Milowiz, vielen

Hallo Herr Milowiz,
vielen Dank für die Anregungen und Ideen!
Judith Haase

Gast
Theoriebezüge

Sehr geehrter Herr Ochs,

herzlichen Dank für Ihre schnelle Antwort. Ich werde mich in die von Ihnen angegebenen Quellen einlesen. Mit der Systemtheorie habe ich mich bereits intensiv auseinandergesetzt, bin mir aber noch nicht im Klaren, wie ich die Übetragung zwischen Systemtheorie und meinem Forschungsgegenstand und -methoden herstellen kann. Daran werde mich nun machen. Sicher haben die Experten der systemischen Sozialen Arbeit auch Anregungen für mich.

Judith Haase

User offline. Last seen 16 Wochen 6 Tage ago. Offline
Beigetreten: 26.04.2010
Hallo liebe

Hallo liebe Forenteilnehmer,
leider habe ich zu wenig auf diese Seite geschaut, sont hätte ich gerne noch etwas beigetragen. In meiner Arbeit haben Konzepte von Staub-Bernasconi und Geiser ebenfalls eine Rolle gespielt, im Hinblick auf eine systemische Ethik konnte ich dort wertvolle Anregungen finden.
Gruß,
Bernd Steigerwald