Der folgende so genannte „Leitfaden für die Durchführung systemischer Forschungsvorhaben“ stellt einen ersten Entwurf (deshalb Version 1.0) einer Beschreibung dar, wie systemische Forschung durchgeführt werden kann. Da wir mit der Plattform vor allem auch an systemische Abschlussarbeiten interessierte Studenten sowie an Forschung interessierte Praktiker ansprechen wollen, gleichzeitig aber auch gewissen universitär-akademischen Ansprüchen gerecht werden möchten (und auch müssen), wird dieser „Leitfaden“ möglicherweise den einen immer noch zu fachchinesisch, den andern aber schon als zu flach und „unwissenschaftlich“ erscheinen. Denn er stellt einen Kompromiss dar. In einer nächsten Version des „Leitfadens“ werden wird versuchen, diesen Kompromiss insofern auszudifferenzieren, dass wir eine Art Gabelung einbauen werden: Die eine Weggabelung kann dann von denjenigen beschritten werden, die eher Forschung für sich selbst durchführen möchten, und die andere Weggabelung von denjenigen, die ihre Forschung auch nach außen präsentieren möchten, etwa innerhalb wissenschaftlicher Kontexte oder vor Kostenträgern. Jedoch, wie gesagt, dieser Schritt wird erst in einer nächsten Version realisiert.
Diese erste Version des „Leitfadens“ operiert mit einem Verständnis von systemischer Forschung, das sich an von uns vorläufig entwickelten vier Grundorientierungen systemischer Forschung (Ochs & Schweitzer, 2009) ausrichtet. Es sei jedoch betont, dass diese vier Grundorientierungen ebenfalls lediglich Entwurfcharakter besitzen und uns nur als eine Arbeitsgrundlage dienen sollen. Diese vier Grundorientierungen sind:
Es ist klar: Niemand kann sich „Definitionsmacht“ anmaßen bezüglich der Frage, was Systemische Forschung ist und was nicht. Diese Plattform soll ja gerade dazu dienen, sich im Diskurs einem (multiplen) Verständnis Systemischer Forschung erst anzunähern. Unsere bisherigen ersten Überlegungen, Fragen und Hypothesen zu diesem Thema lassen sich folgendermaßen bündeln:
Diese Fragen und Überlegungen lassen sich sicherlich noch ergänzen. Es erscheint uns wichtig darauf hinzuweisen, dass bei der Lektüre des Entwurfs des „Leitfadens“ bedacht werden sollte, dass das Verfassen desselben vonstatten ging, ohne dass wir diese Fragen bereits beantwortet oder unsere Überlegungen zur Frage, was Systemische Forschung sein kann, bereits ausgearbeitet hätten.
Für viele Praktiker hat allein schon das Wort „Forschung“ eine Art (ehr-)furchteinflößenden Beigeschmack – und damit etwas, wovon man besser die Finger lässt. Oder Forschung wird als praxisferne Hirnakrobatik aus dem Uni-Elfenbeinturm angesehen. Leider. Wenn auch verständlich; nämlich, wenn man sich vor Augen führt, wie Uni-Leute ihre Forschungsarbeit Praktikern manchmal präsentieren: Abgehoben, unverständlich, ohne „Anschlussfähigkeit“ für in der Praxis Tätige– vielleicht noch mit der vagen Hoffnung verbunden, dass die Praktiker in ihrem Praktikersystem irgendwelche unspezifischen, nicht-instruktiven Anregungen und Impulse aus dem Forschungssystem mit- oder abbekommen…
Denn man kann natürlich sagen, und gerade manche Systemtheoretiker sehen das auch so, dass Praxis und Wissenschaft zwei unterschiedliche Systeme seien, die füreinander „lediglich“ Umwelten darstellen, einander „nur“ Komplexität, Intransparenz und Kontingenz gegenseitig zur Verfügung stellen. „Anschlussfähigkeit“ im Sinne von Bemühen um Verständigung und Bezugherstellung sei, etwas plakativ dargestellt, „unsystemisch“ und aufgrund der Autopoiese ohnehin nicht möglich.
Die Internetplattform Systemische Forschung möchte etwas anderes: Ihr Ansatz ist (im Sinne eines „Practitioner Research“- oder „Practitioners as Scientists“ - Konzepts), gerade auch Praktikern Lust zu machen, sie zu ermutigen und zu befähigen, selbst Forschung zu betreiben. Fox et al. (2007) versuchen, diesen „Practitioner Research“- Ansatz folgendermaßen zu fassen: „The aim of practitioner research is fundamentally no different from other forms of research in that it is about generating new knowledge. Nor are there unique research techniques attached to it. However, practitioner researchers are different as a result of their unique position in the research process” (S.1). Diese einzigartige Position des forschenden Praktikers ist mit spezifischen Stärken und Schwächen bezüglich eines Forschungsvorhabens verknüpft – die es gilt, zu nutzen und beachten.
Hierzu soll „Forschung“ zunächst ein wenig entmystifiziert, ihre „betörende Wirkung“ genommen und gezeigt werden, dass die Beforschung der eigenen Praxis (oder auch der Praxis anderer) tatsächlich ein Art Abenteuer sein kann. Wir wollen deutlich machen, dass Forschung ein spannender Weg sein kann, die eigene Praxis anders kennen und erfahren zu lernen, über diese neu nachzudenken – und sie so letztlich zu verbessern.
Um zu forschen, muss man - je nach dem, was und in welchen (z.B. institutionellen und finanziellen) Zusammenhängen man forschen möchte - nicht unbedingt einen fertig ausgearbeiteten, hieb- und stichfesten Forschungsantrag schreiben oder über Unsummen von Geld verfügen, um diese Untersuchungen überhaupt durchführen zu können. Es gibt gerade im Bereich qualitativer Forschung Ansätze, die sich für kleinere, selbst gestrickte Forschungsprojekte hervorragend eignen. Und selbst wenn man „mit Zahlen“ forschen möchte, ist etwa die Durchführung einer Fragebogenuntersuchung auch kein Teufelswerk. Um mögliche Missverständnisse gleich auszuräumen: „Selbst gestrickt“ meint nicht methodisch unsauber, minderer Qualität oder im Resultat weniger Wert! Zu forschen bedeutet immer, methodologisch stringent, transparent und für andere nachvollziehbar zu arbeiten. Das ist, neben dem oben bereits angedeuteten Abenteuer-Entdeckerreisen-Aspekt, der eher „buchhalterische Faktor“ von Forschung. Die Bücher müssen sozusagen stimmen. Doch dazu später ausführlicher.
Viele Praktiker, Studenten aber auch Wissenschaftler, sind oft abgeschreckt von der schieren Fülle an Forschungsansätzen im Bereich der Sozial-, Gesundheits-, Psychotherapie- und Beratungswissenschaften. Eine Lieblingsstrategie von Wissenschaftlern ist deshalb, sich auf sehr wenige Forschungsansätze zu reduzieren, den Blick auf diese zu verengen - und am besten noch die vom eigenen Blickfeld ausgeschlossenen Forschungsansätze zu entwerten. Ein Schlüsselerlebnis diesbezüglich stellte für einen der Autoren (MO) ein Gespräch mit einem Statistiker einer klinisch-psychologischen Universitätsabteilung dar, der erstaunt auf entsprechenden Hinweis von mir kundtat, dass er nicht mal wisse, dass für qualitative Forschung überhaupt Computerprogramme existieren. Tatsächlich gibt es diese inzwischen in einer solchen Fülle, dass es dem Novizen fast nicht möglich erscheint, sich Orientierung zu verschaffen.
Die Stärke einer Herangehensweise unter systemischer Perspektive liegt gerade darin, diese Verengung zu vermeiden - und beispielsweise auf ein und derselben Tagung, in ein und demselben Forschungsband sowohl Untersuchungen mit etwa extensiven qualitativen autobiographischen und narrativen Textanalysen, als auch mit komplexen quantitativen Berechnungen einzubeziehen.
Wir betrachten Forschung als ein systematisiertes Verfahren, neue Erkenntnisse zu gewinnen und auszuwerten. Diese Definition enthält auch bereits die beiden Bestimmungsmomente von Forschung aus der Überschrift, nämlich zum „Buchhaltung“ (systematisiertes Verfahren) „Abenteuer“ (neue Erkenntnisse zu gewinnen).
Forschung zeichnet sich dadurch aus, dass der Vorgang der Erkenntnis- und Wissensgewinnung methodologisch vollzogen wird und nachvollziehbar ist - und damit nach einer gewissen Systematik vor sich geht. Hierdurch unterscheidet sich forscherischer Erkenntnisgewinn von unsystematisch entstandenen Altags(vor)urteilen.
Im Kontext von (systemischer) Beratung und Psychotherapie trifft man bisweilen auf eine Art Widerwillen allem gegenüber, was nach Systematik, nach Manualisierung, nach Kontrolle und nach Dokumentation riecht: Denn zeichnen sich lebende Systeme – und um deren Erforschung soll es ja gehen – nicht vor allem beispielsweise durch diskontinuierliche Dynamik und durch Individualität und Einmaligkeit aus (Kriz, 2008)? Und stehen nicht solche Charakteristika im Widerspruch zu sozusagen buchhalterischen Tugenden?
Nun, man kann das so sehen. Muss man aber nicht:
Um dies zu erfahren, eignen sich kleine Selbstexperimente, bei denen man systematische Aufzeichnungen in einem Bereich des eigenen (Berufs-)Lebens macht, wo man dies bisher noch nicht getan hat. (Wenn Sie gewohnt sind sehr systematisch Ihre Beratungen zu dokumentieren, dann würde dieser Bereich ihrer Arbeit etwa nicht in Frage kommen.):
Diese kleinen Selbstexperimente können Sie im nächsten Schritt auch selbst auswerten: Die Aufzeichnungen zum gefühlten Familienleben oder die Inhalte der beruflichen Interaktionen können mit einer Art abgespeckten qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet werden: Gibt es bestimmte, in den Aufzeichnungen vorkommende Gefühlswörter oder Interaktionsinhalte, die sich ähneln? Welche Gefühlsqualitäten oder Interaktionsthemen kommen in den Aufzeichnungen am häufigsten vor? Die Ratingskalen-Werte zur täglichen Stimmung können in ein einfaches kartesisches Koordinatenkreuz eingetragen werden (auf der y-Achse würden die Werte der Ratingskala von 0 bis 10 aufgetragen, auf der x-Achse die Tage) und schon haben Sie eine einfache Zeitreihe. Diese können Sie dann nach diskontinuierlichen Sprüngen, periodischen Schwankungen oder stabilen „Attraktoren“ abklopfen.
Hat dieses Experiment einen Unterschied gemacht und zu neuen Erkenntnissen etwa bezüglich ihrer Familiengefühle, Ihrer Tagesstimmungen, ihrer Berufskontakte geführt?
a) Studieren Sie z.B. einmal folgende Systematik zum Forschungsvorgehen im Rahmen heuristischer Forschung (Moustakas, 1990):
1. Anfängliche Begeisterung/Anbindung
Hierbei geht es darum Leidenschaft und Begeisterung für ein Forschungsthema bei sich selbst zu entdecken, dass auch für andere Menschen bedeutsam ist. Die „innere Dialog“-Technik kann dabei helfen, das Forschungsthema für sich selbst zu erkunden und Forschungsfragen, die einem selbst wirklich wichtig bei dem Thema sind zu entdecken, hierbei lässt der Forscher sich vor allem von seiner Intuition leiten.
2. Versenken/Eintauchen in das Thema
Hierbei geht es darum, dass der Forscher seine Forschungsfrage „lebt“, d.h. sie ständig mit sich trägt, beim Arbeiten, Spaziergehen, beim Schlafen, beim Träumen. Dass er in allem, was ihm begegnet (z.B. beim Einkaufen, beim Gespräch mit Freunden, in der Straßenbahn), Möglichkeiten erkennt, die Fragestellung zu erkunden. Methodisch kann dies durch spontane Selbst-Dialoge oder Selbsterfahrung oder Erfahrungen in der Stille geschehen.
3. Einarbeitung/Ansteckung
Ziel ist, dass sich jenes, was sich beim Versenken und Eintauchen in das Thema aufgetan hat, klären und ausbreiten kann. Allerdings weniger in einem bewussten Prozess, sondern eher in der Form, dass nun neue Zusammenhänge spontan entstehen können. (Beim Spazieren gehen plötzlich etwas entdecken)
4. „Erhellung“
„Erhellung“ eröffnet die Tür zu neuen Möglichkeiten der Achtsamkeit bezüglich des Themas, der Modifikation von überholtem Wissen, zur Zusammenschau von fragmentiertem Wissen oder zur Neuentdeckung von etwas, was bereits schon länger vorhanden ist, aber der bewussten Aufmerksamkeit entging.
5. Explikation
In der Explikationsphase geht es darum, all das, was sich bisher ergeben hat, in seiner ganzen Breite und seinem Detailreichtum zu untersuchen und in einer kompletteren Rahmung zu fassen. Hierbei können Techniken wie Focussing hilfreich sein.
6. Kreative Zusammenschau
Kann nur durch die Kraft der Stille und Intuition erreicht werden. Dies kann dann in Form einer Aufzeichnung geschehen (Forschungsbericht), aber auch als Gedicht, Geschichte oder Gemälde.
b) Autoethnographie ist ein qualitatives Verfahren bei dem man quasi sich selbst im soziokulturellen Kontext erforscht. Autoethnographische Forschungsvorhaben könnten etwa sein:
Das methodologische Vorgehen bei Autoethnographie variiert stark von Forschungsprojekt zu Forschungsprojekt. Es gibt noch keinen „Methodenkanon“, da dieser Ansatz noch recht neu im Kontext der sozialwissenschaftlichen Forschung erscheint: So gibt es einerseits autoethnographische Texte die wie Autobiografien verfasst sind und andererseits autoethnographische Forschungsartikel, die auf sehr strukturierte Dokumentationen des eigenen Erlebens im sozialen Kontext basieren (Wall, 2006).
Unterschiedliche Möglichkeiten, das Kriterium der Systematik und Nachvollziehbarkeit zu verwirklichen
Dieses Kriterium methodischer Systematik und Nachvollziehbarkeit von Forschung kann auf sehr unterschiedliche Weise verwirklicht werden, z.B.:
Die Auswertung der Notizen kann dann auch systematisiert erfolgen, z.B. indem die Notizen nach wiederkehrenden Interaktionsmustern oder weiteren inhaltsanalytischen Aspekten durchforstet werden.
Systematik und methodologische Nachvollziehbarkeit wird dadurch hergestellt, dass die Aufzeichnungen zum einen nach einer chronologischen Systematik bzw. einem inhaltlich plausiblen Kriterium (Teamsitzung), das durchgehalten wird, stattfinden. Außerdem hat die Art und Weise des Notizenmachens Systematik und Methode. Darüber hinaus findet die Auswertung nach einer nachvollziehbaren und transparenten Methode statt.
Viele Qualitative Ansätze beinhalten ein systematisches Vorgehen bei der Erfassung von „Daten“ (wobei manche meinen, dass der Terminus „Daten“ bereits eine Art ungute Reminiszenz an quantitative Forschung darstelle). Ein systematisches Vorgehen bei der Datenerfassung erleichtert, „Dinge zu sehen“, die bei einem weniger systematischen Vorgehen aufgrund der Komplexität des Gegenstandsbereichs schnell übersehen werden können.
Selbst sehr offene, wenig strukturierte Vorgehensweisen bei der Datenerhebung können systematisch und methodologisch nachvollziehbar konzipiert werden: Es muss lediglich begründet werden, aus welchen (nachvollziehbaren) Gründen so vorgegangen wird und wie dieses Datenmaterial dann ausgewertet wird...
Die Beispiele sollten deutlich machen, dass Transparenz und methodische Stringenz notwendig sind - zur Ausgestaltung dieser Prinzipien allerdings vielfältigste, kreative Vorgehensweisen denkbar und sogar erforderlich sind.
Auch wenn nach unserem Eindruck im Praktikerkontext ein Forschungsinteresse nicht selten durch sozusagen milde existentielle Krisen der Arbeitsunzufriedenheit, also des Leidens, geweckt wird (um etwa diese Unzufriedenheit und deren Gründe besser zu verstehen und dagegen etwas tun zu können), so erscheint jedoch derer andere Bestimmungsmoment von (Systemischer) Forschung - neben „Buchhaltung“ - jener der Lust, der Leidenschaft, des Abenteuers. Denn ohne diese Elemente bleibt Forschung eben nur mühsame, trockene und langweilige Buchhaltertätigkeit.
Grundsätzlich ist zu empfehlen, eine Forschungsfrage und –methode zu wählen, die einen auch wirklich interessiert und im positiven Sinne aufregt, anregt und berührt. Man spricht nicht umsonst von „Erkenntnislust“. Spürt man sie nicht, kann Forschung zu einem zähen und langweiligen Unterfangen werden.
Wie weiter unten deutlich wird, kann aus systemischer Perspektive die eigene Erkenntnislust nur ein „Auftraggeber“ von mehreren sein – auch diese (die Erkenntnislust) sollte immer in Kontexten sich entfaltend gedacht werden.
Eine gute alte Coaching-Weisheit lässt sich auch auf Forschung übertragen: Eliminiere alle „du solltest“ im Zusammenhang mit Forschung, wie z.B.:
Die Überlegung hinter diesem Vorschlag ist, dass alle „du solltest“, die man sich schon länger als ein Jahr selbst erzählt, selten zum Erfolg führen (Miedaner, 2002). Man kennt das etwa von Themen, wie „Abnehmen“, „Sport machen“ oder „mehr Geld sparen“. Coaching-Ratgeber empfehlen z.B. – ganz im Einklang mit systemischer Konzeption, die die Relevanz des Kontextes für Verhalten und Motivation betont - sich Umgebungen zu suchen, die Lust auf Forschung machen:
Aber letztlich, wie gesagt, hängt es natürlich von der „Auftragslage“ ab, was und wie erforscht werden kann und was und wie nicht... und da ist die eigene „Forschungslibido“ „nur“ eine von mehreren Stimmen – allerdings eine, die u.E. (aus unserer auch vorhandenen humanistischen Orientiertheit heraus) zu priorisieren ist.
Unabhängig davon, um welche Form von Forschung es sich handelt, qualitativ, quantitativ oder mixed methods, sind folgende Faktoren für systemische Forschung unabdingbar:
Was jedoch am Anfang jeder Forschung stehen sollte, egal ob Praktiker forschen, Studenten oder Uni-Leute, ,ist – für systemisch ausgerichtete Therapeuten und Berater keine allzu große Überraschung - eine Art „Auftragsklärung“. Vielleicht stellt dies eine spezifische Stärke systemischer Forschung dar: nämlich die Berücksichtigung des persönlichen, sozialen, organisationalen, beruflichen oder wissenschaftlichen Kontexts des Forschungsvorhabens - und zwar von Anfang an. Dieser Prozess des Berücksichtigens der verschiedenen Aufträge lässt sich vielleicht als eine Art Film, der ständig während des Forschungsprozesses mitläuft und diesen auch fortwährend beeinflusst, vorstellen. Denn die möglichen Anlässe und Gründe, aus denen geforscht werden möchte/soll, sind vielfältig:
Bei der Auftragsklärung kann auch hilfreich sein sich zu fragen, wen man wohl in der Danksagung der Endpublikation der Ergebnisse des Forschungsvorhabens gerne danken würde – diese Personen können möglicherweise ebenfalls emotional nicht unrelevante „Auftraggeber“ sein. (Manch einer beschäftigt sich auch einfach gerne mit Forschung, um diese zu entmystifizieren und Forschern nachzuweisen, dass sie auch nur mit Wasser kochen – aber das ist ein anderes Thema…).
Zur Auftragklärung gehört, dass neben Geldgebern, Chefs, Kollegen, man selbst, immer auch die Stimme der zu beforschenden Menschen gehört werden sollte – und sei es nur, wieder wie für systemisches Arbeiten ja nicht unüblich, „nur“ in Form von Hypothesen:
Manch einer wird es bereits geahnt haben: sich Forschungsauftragsklärung in Bezug auf die zu untersuchenden Menschen anzuschauen, hat auch etwas mit Ethik zu tun. Wichtig ist hierbei, dass die Stimme der zu beforschenden Menschen nicht nur deshalb ins Kalkül gezogen wird, weil ansonsten die Gefahr besteht, dass das ganze Forschungsprojekt „baden geht“. Ein solches Kalkül würde, in den Fachbegriffen der Ethik ausgedrückt, einer funktionalen Ethik folgen. Es geht hierbei auch darum, dass die zu untersuchenden Menschen als Personen geachtet werden und somit in ihrer Menschenwürde ins Kalkül gezogen werden, was als moralische Ethik bezeichnet wird. Und genau aus diesem Grund müssen an Universitäten, aber auch in anderen Kontexten, in denen Menschen beforscht werden, Forschungsanträge zunächst Ethikkommissionen zur Genehmigung vorgelegt werden (ein Beispiel für ethische Richtlinien im Kontext psychologischer Forschung findet sich unter: http://www.dgps.de/dgps/aufgaben/ethikrl2004.pdf)
Hilfreich kann sein, sich „die Wissenschaft“ als Auftraggeber (als einen von mehreren) vorzustellen, sich den Forschungsstand zur eigenen Fragestellung vor Augen zu führen: Was könnte „die Wissenschaft“ wohl von einem selbst, der in dem Bereich auch forscht, wollen? Und wie bei Auftragsklärung im Zusammenhang mit Therapie und Beratung muss man sich im Anschluss daran fragen: Möchte ich den Auftrag erfüllen? Welche guten Gründe gibt es dafür, dies zu tun bzw. nicht zu tun (z.B. divergierende Aufträge)? Diese Auftragsklärung kann zudem - im Sinne der Buchhaltung“ – transparent und methodisch stringent dokumentiert werden.
Ein Forschungsantrag beginnt üblicherweise mit einem Überblick zum Stand der Forschung zur Fragestellung des Projekts. Hierzu werden relevante Befunde und Überlegungen aus der Fachliteratur knapp skizziert. Dabei sollte klar werden, wie der eigene Beitrag sowie das eigene Forschungsvorhaben einzuordnen sind. Das heißt aber auf keinen Fall, dass hier die komplette Literatur des Forschungsgebiets besprochen werden sollte. Vielmehr sollte möglichst kurz zusammengefasst werden, welche Arbeiten für das Projekt wirklich relevant sind. Der Stand der Forschung soll hier knapp und präzise in seiner unmittelbaren Beziehung zum konkreten Vorhaben und als Ausgangspunkt und Begründung des eigenen Projekts dargestellt werden. Dies ist aus unterschiedlichen Gründen wichtig:
Häufige Fehler bei der Darstellung zum Stand der Forschung (vgl. auch Schwarzer, 2001):
Grundsätzlich empfiehlt sich bei der Darstellung des Stands der Forschung die „Trichter-Strategie“ (immer genauer werden): vom allgemeinen zum speziellen des Forschungsvorhabens verengen.
Der systemtherapeutische Theoretiker Fritz B. Simon hat einmal sinngemäß gesagt, wer etwas Neues erforschen möchte, der solle am besten hierzu wenig lesen. Denn neue, kreative Ideen entstehen selten durch das Aufwärmen von bereits Bekanntem. Deshalb empfiehlt es sich eben, wie oben bereits ausgeführt, das eigene Forschungsinteresse, die eigene Erkenntnislust, den eigenen Vertiefungswunsch zu priorisieren – und erst an zweiter Stelle sozusagen in die Bücher zu steigen.
Für das Literaturstudium empfiehlt sich: Legen Sie sich Ordner für Literatur zum Forschungsprojekt an, am besten mit einer thematischen Ordnungsstruktur (banal, wird aber häufig vergessen); eine Literaturdatenbank speziell für Ihr Projekt (hierzu gibt es verschiedene Software, z.B. Endnote) ist zu empfehlen; wenn Sie sich Zitate aus der Literatur notieren, vergessen Sie nicht Literaturstelle und Seitenzahl mit zu notieren (auch banal, wird aber ebenfalls häufig vergessen, wie die Autoren aus eigener leidvoller Erfahrung wissen...)
Wenn man als Praktiker und Forscher in Personalunion unterwegs ist, muss man sehr bewusst mit den eigenen Kräften und der eigenen Zeit umgehen.
„All researchers have to find a healthy work/life balance and this is a challenge due to the unpredictable nature of much research and the tight deadlines that are built into projects. It is even more of a challenge if unforeseen life events (both positive and negative) occur during research. Due to the relatively nature of a research project an unplanned life event is practically a certainty” (Fox et al., 2007, S. 124).
Aber auch wenn man im Rahmen einer Abschlussarbeit als Student forscht, ist es wichtig, auf die eigenen Zeit- und Kraftressourcen zu achten. Im letzten Jahrzehnt haben sich Studium sowie Berufs- und Karriereplanung sehr gestrafft. Ausbildungszeiten und Berufseinstiegsphasen werden bis auf den Monat genau geplant. Oft gibt es zudem zeitliche Begrenzungen schon aufgrund von bestimmten Prüfungsordnungen.
Forschungsprojekte sind so gut wie immer zeitlich befristet und oft von Deadlines geprägt; das Haushalten mit Zeitressourcen ist diesen also sozusagen immanent. Zeit- und Projektmanagementtechniken (z.B. Bostnar & Köhrmann, 2004; Ochs & Orban, 2007) können bei der Durchführung eines Forschungsvorhabens also sehr hilfreich sein.
Eigenes soziales Umfeld
Als Systemiker wissen wir, dass es Wechselwirkungen gibt zwischen psychischen und sozialen Systemen. Deshalb ist es hilfreich, sich zu fragen:
Geld:
Das Nichtvorhandensein von Geld für Forschung ist oft ein Problem – sowohl für den Universitätskontext als auch für Forschungsvorhaben, die von Praktikern selbst durchgeführt werden: Geld für externe Auftragsforschung, für Mehrbezahlung aufgrund von zusätzlicher Arbeit durch Forschung etc. Es existieren allerdings eine ganze Reihe von Stiftungen, die als potentielle Geldgeber in Frage kommen:
(hier folgt noch eine Liste potentieller Stiftungen und Geldgeber für system. Forschung)
Manpower:
Als Practitioner researcher kann es ratsam sein, sich externe Unterstützung aus dem Fachhochschul- und Universitätskontext zu holen:
Unabhängig davon ob das eigene Forschungsvorhaben Teil eines drittmittelfinanzierten Forschungsprojekts, einer Abschlussarbeit oder einer Beforschung der eigenen Praxistätigkeit darstellt, empfiehlt es sich auf jeden Fall, ein Forschungsexposé zu verfassen. Ein Forschungsexposé ist zudem oft Voraussetzung für das Schreiben einer Abschluss- oder Weiterqualifikationsarbeit, sei dies eine BA-Arbeit, eine MA-Arbeit, einer Diplomarbeit oder einer Promotion. Ein Forschungsexposé unterscheidet sich von einem Forschungsantrag vor allem dadurch, dass mit letzterem Geld herbeigeschafft werden soll – d.h. Geldgeber als „Auftragsgeber“ stärker berücksichtigt werden müssen. Forschungsexposés sind manchmal nicht so detailliert und ausführlich wie ein Forschungsantrag, was etwa den Forschungsstand betrifft oder was die genaue Auflistung benötigter Ressourcen (Zeit, Geld, Manpower) angeht. Zudem erscheinen Forschungsexposés von der Struktur, dem Aufbau her nicht ganz so rigide gegliedert, wie ein Forschungsantrag. Aber auf der anderen Seite: warum sollte nicht auch ein Forschungsexposé eine gute Gliederung haben oder konkrete Überlegungen zu einzelnen Realisierungsschritten und die hierfür notwendigen Ressourcen? Manchmal stellt ein Forschungsexposé die Grundlage für die Erstellung eines Forschungsantrags dar (vgl. Schöneck & Voß, 2005).
Ein Forschungsexposé (oder auch Forschungsantrag) hilft dabei, sich über das eigene Vorhaben klarer zu werden (z.B. dessen Realisierbarkeit und die benötigten sowie vorhandenen Ressourcen), die eigene Fragestellung zu präzisieren und gegenüber Kollegen, Chefs, Kooperationspartnern oder möglichen Geldgebern ein schriftliches Dokument präsentieren und somit auch mit diesen in einen Austausch treten zu können. Zudem stellen erste schriftliche Formulierungen, so vorläufig diese auch immer sein mögen, oft Ausgangsmaterial für spätere Fassungen oder Veröffentlichungen dar – nach dem Motto: Überlegungen, die sie bereits im Kasten (bzw. PC) haben, gehen Ihnen nicht mehr verloren. Insofern weitet sich das Exposé allmählich zum Forschungsbericht aus, es ist bereits der Beginn desselben.
Beispiele von Leitfäden zur Verfassung von Forschungsexposés und Forschungsanträgen finden sie:
(Hier folgt eine Liste von Leitfäden)
Im Folgenden eine Auflistung von „Sünden“ und Fehlern beim Verfassen von Forschungsexposés/Forschungsanträgen (vgl. auch Schwarzer, 2001):
Der Titel eines Forschungsvorhabens dient zweierlei Zwecken:
Als Richtwert für Titel und Untertitel werden in Leitfäden zu Forschungsexposés und –anträgen häufig 140 Zeichen angegeben.
Ein passender und präziser Titel lässt sich dann am besten festlegen, wenn der Zweck der Studie und die Forschungsfrage so präzise wie möglich festgelegt wurden.
Die Forschungsfrage stellt oft den Ausgangspunkt des Forschungsprozesses dar. In ihr verdichten und kristallisieren sich Sinn und Zweck des Forschungsvorhabens. Je klarer und präziser die Frage gefasst ist, umso einfacher gestalten sich die nachfolgenden Schritte – vor allem die Auswahl der Forschungsmethode und der zu beforschenden Subjekte, also der Stichprobe. Manchmal kann es aber auch sein, dass sich die Forschungsfrage erst im Verlauf des Forschungsvorhabens präzisieren lässt. In solch einem Fall kann mit einer groben Umreisung der Fragestellung begonnen werden. Für „Beginners“ empfiehlt sich aber, mit einer klaren, einfachen Fragestellung zu beginnen nach dem Motto: „small is beautiful“. Eine systemische Forschungsfrage sollte sich beispielsweise an den vier von uns vorläufig formulierten Grundorientierungen systemischen Forschens (Ochs & Schweitzer, 2009) ausrichten. Eine solche Forschungsfrage kann sein:
Eine Forschungsfrage zu formulieren und umzusetzen, ohne das Geflecht an möglichen Aufträgen, die inneren und äußeren „Auftragslagen“, zu berücksichtigen, ist vergleichbar damit, einfach drauflos zu therapieren, ohne zu bedenken, was der Patient/Klient, der überweisende Arzt, die Angehörigen wohl selbst gerne hätten - und irgendwann landet man bestenfalls im Niemandsland, und beide, Therapeut und Patient, sind im Grunde unzufrieden mit dem Verlauf und den Ergebnissen (siehe hierzu ausführlicher zum "Forschungsauftragskarussell" weiter oben). Natürlich können und werden sich die unterschiedlichen Aufträge und Auftragslagen teils widersprechen, teils nur schwer unter einen Hut bringen lassen. Dann hilft, wie auch bei der Auftragsklärung im Kontext systemischen Arbeitens:
Im ungünstigsten Fall wird einem bewusst, dass das Forschungsprojekt einen „unmöglichen“ Auftrag darstellt; das mag im ersten Moment zwar ärgerlich sein, aber besser als wenn man dies erst feststellt, wenn man bereits sozusagen „mittendrin“ ist. Im günstigsten Fall ermöglicht Auftragssensibilität eine passgenauere Fragestellung und Forschungsherangehensweise, die ermöglicht, dass das Forschungsvorhaben sozusagen „gut flutscht“, viel Spaß macht und Resultate hervorbringt, die für alle Beteiligten als bedeutsam erlebt werden:
Häufige Fehler bei der Formulierung einer Fragestellung (vgl. auch Schwarzer, 2001):
Aus der Fragestellung ergibt sich die Auswahl der Forschungsmethode, mit der sich die Fragestellung am besten bearbeiten lässt. Der methodische Ansatz (Literaturarbeit, Sekundäranalyse, qualitative oder quantitative Analyse von selbst zu erhebenden Daten) sollte gut verständlich dargestellt und begründet werden.
Systemisch betrachtet können aber auch Forschungsfrage und –methode zirkulär zusammenhängen. Allerdings muss der Zusammenhang zwischen Forschungsfrage und Forschungsmethode im Exposé leicht nachvollziehbar und transparent und in sich schlüssig sein.
Es ist hilfreich das Forschungsvorgehen mithilfe von Grafiken oder Ablaufdiagrammen zu veranschaulichen. Hierzu zwei Beispiele aus unseren eigenen Forschungsvorhaben:


Typische Fehler bei der Darstellung der Methode (vgl. auch Schwarzer, 2001):
• Mit wenigen Schlagwörtern das methodische Vorgehen nur andeuten.
• Komplexe Vorgehensweisen nur kurz ins Feld führen, ohne dass ersichtlich wird, dass die Vorgehensweise wirklich Verwendung finden wird (Beispiel: die »dichte Beschreibung« mit einem Literaturhinweis auf Geertz (1983) anführen, aber nicht deutlich machen, warum diese Methode geeignet ist und wie sie umgesetzt werden soll).
• Die Auswahl bestimmter Methoden nicht begründen.
• Die angestrebte bzw. vorhandene Datengrundlage nicht offenlegen (z.B.: Welche Quellen sind vorhanden? Wie viele Texte sollen ausgewertet werden? Wie viele Interviews sollen geführt werden – wie viele erscheinen warum notwendig? In welchen Archiven befinden sich Quellen? Ist ein Zugang gewährleistet?).
Forschungsfragestellung und Forschungsdesign hängen eng zusammen, wie gesagt; beides wiederum hängt zusammen mit den schon beschriebenen möglichen Auftragslagen und den zur Verfügung stehenden Ressourcen an Zeit, Kraft, Geld, Manpower (siehe oben).
Die Beschreibung der Durchführung der Untersuchung dient dazu, deutlich zu machen, innerhalb welcher konkreten Arbeitschritte und unter dem Einsatz welcher Ressourcen das Forschungsvorhaben abgewickelt werden kann und soll. Sie sollte zudem mit dem Zeitplan der Untersuchung gekoppelt sein. Dieser sollte entlang des Forschungsdesigns die veranschlagte Zeit für alle Durchführungsschritte inklusive der Datenauswertung beinhalten.
Die Darstellung der Durchführung der Untersuchung ist ein entscheidender Teil jedes Forschungsantrages oder Exposés. Hier zeigt der Forscher, dass er in der Lage ist, ein Problem in bearbeitbare Schritte zu unterteilen und diese sinnvoll zu gliedern. Aus den einzelnen Punkten des Arbeitsprogramms muss deutlich werden, wie die einzelnen Schritte zur Erreichung des Forschungsziels beitragen. Das Arbeitsprogramm sollte ca. 50% des Exposés ausmachen. Dabei sollten Sie nicht zu sehr in Fachjargon verfallen. Bedenken Sie, dass dieser Abschnitt auch von Menschen gelesen wird, die nicht aus Ihrem Fachgebiet stammen. Es sollten also nicht zu genaue Details einfließen, fachspezifische Abkürzungen prinzipiell erklärt werden. Einem Fachmann muss aber trotzdem klar werden, was Sie planen (vgl. auch Schwarzer, 2001; www.proscencia.de) .
Auf diese Weise können beispielsweise Studenten ersehen, ob Sie zumindest mit ersten Arbeitsschritten der empirischen Untersuchung (z.B. Klärung des Feldzugangs, Entwicklung der Erhebungsinstrumente) bereits vor dem offiziellen Beginn des Bearbeitungszeitraums beginnen sollen. Zudem kann die Beschreibung des Arbeitsprogramms auch Hinweise auf die Finanz- und Personalplanung für das Forschungsvorhaben beinhalten.
Sie können sich in Ihrer Kreativität austoben, was die graphische Darstellung der Untersuchungsdurchführung betrifft. (Beispiele für graphische Darstellungen folgen hier noch...) Auch die Datenauswertung sollte genau im Voraus beschrieben werden.
Viele Leser bzw. Gutachter von Forschungsanträgen lesen nur die Zusammenfassung, oft wird der restliche Text des Antrags nur noch kurz überflogen (bei DFG-Anträgen wird dem Gutachtergremium z.B. nur die Zusammenfassung und das Gutachten des Fachgutachters vorgelegt). Die Zusammenfassung ist daher sehr wichtig und muss das Forschungsvorhaben und seine Bedeutung deutlich darstellen. Die wesentlichen Ziele Ihres Vorhabens sollten allgemeinverständlich zusammengefasst werden (vgl. "Wie schreibe ich einen erfolgreichen Forschungsantrag?" unter www.prosciencia.de.)
Als Richtwert: Eine Zusammenfassung sollte nicht mehr als 15 Zeilen (max. 1600 Zeichen) haben.
Die Zusammenfassung dient vor allem zwei wichtigen Zwecken:
a.) Sie dient der schnellen Orientierung
b.) Sie kann dazu dienen, schnell und prägnant mitzuteilen, worüber man eigentlich
arbeitet
Der im Forschungsexposé enthaltene Zeitplan samt Forschungsdesign stellt die Grundlage, die „roadmap“ für die Durchführung des Forschungsvorhabens da.
Abweichungen von der „roadmap“ als Umwege, die die Ortskenntnis erweitern
Da wir es bei der Erforschung sozialer Systeme oft auch mit dynamischen lebenden Systemen zu tun haben, zumindest wir als Forscher erscheinen als solche lebenden Systeme, sind manchmal Abweichungen vom Zeitplan bei der konkreten Durchführung unumgänglich. Denn bekanntlich ist Leben das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen, wie John Lennon dies einmal formulierte. Solche Abweichungen können z.B. sein:
Im Kontext von Forschung ist jedoch notwendig (im Sinne der schon öfters erwähnten "Buchhaltung"), dass diese Abweichungen dokumentiert und in ihrer Auswirkung auf den Forschungsprozess und das Forschungsresultat reflektiert werden. Wichtiger als manchmal nicht zu vermeidende Abweichungen oder Störeinflüsse auszuschalten erscheint die Dokumentation und Reflektion über dieselben. Eine Ausnahme davon bilden experimentelle Laborstudien – aber selbst dort können unvorhergesehene Dinge passieren, welche dann die angestrebten kausalen Wenn-Dann-Aussagen einschränken.
Autoethnographie als Kybernetik 2. Ordnung
Ein großes Unbehagen an Forschung, vor allem an jeder Form von Forschung, die irgendwie experimentell, von außen beobachtend daherkommt, wird immer wieder von systemischen Vertretern einer dezidierten Kybernetik 2. Ordnung vernommen. Um diesem, aus unserer Sicht berechtigten, Unbehagen im Kontext systemischer Forschung Rechnung zu tragen, empfiehlt es sich sehr, eine Art kleinen Extra-Forschungsstrang parallel mitlaufen zu lassen. Dieser Forschungsstrang beinhaltet die Aufzeichnung der (sehr) persönlichen Eindrücke des Forschers im Verlauf der Auseinandersetzung mit dem Forschungsvorhaben. Dies ermöglicht das Ins-Verhältnis-setzen des „Forschungsgegenstands“ mit den Konstruktionen des Forschers. Diese Form der Sozialforschung wird manchmal auch als Autoethnographie bezeichnet.
(Hier folgt noch eine Anleitung für autoethnographische „Neben“-Stränge bei systemischen Forschungsvorhaben...)
Datenauswertung gestaltet sich sehr unterschiedlich aufwändig bezüglich Zeit, Manpower, sowie benötigter technischer Ressourcen – und zwar in Abhängigkeit von der verwendeten Forschungsmethode. Qualitative Forschung erscheint zunächst generell aufwendiger als die Auswertung quantitativer Daten. Denn sicherlich ist etwa ein Signifikanztest mit einem Statistikprogramm, um beispielsweise signifikante Unterschiede zwischen Kindern in der stationären und ambulanten Jugendhilfe bezüglich deren CBCL-Werten zu berechnen, schneller durchgeführt als ein 1,5-stündiges Elterninterview aufwendig zu transskribieren (was durchschnittlich neun Stunden dauern kann) und anschließend objektiv-hermeneutisch zu analysieren. Bei genauerer Betrachtung lässt sich diese Faustregel jedoch nicht so ohne weiteres aufrechterhalten: Denn es bedarf im Kontext quantitativer Forschung ebenfalls einiger Zeitressourcen, etwa um eine gute Datenmatrix für das Statistikprogramm oder eine sinnvolle statistische Analysekonzeption zu entwickeln; zudem muss im Kontext qualitativer Forschung nicht jedes Interview vollständig transskribiert und Satz für Satz analysiert werden. (Auch geht man in der qualitativen Forschung immer mehr dazu über, schon vorliegendes Datenmaterial, z.B. Dokumente, zu analysieren, um möglichst wenig Datenverzerrung durch den Vorgang der Datenerhebung zu erzeugen.) In qualitativer Forschung arbeitet man zudem häufig bei der Rekrutierung der Stichprobe mit dem Kriterium der „theoretischen Sättigung“, was oft zu - im Vergleich zur quantitativen Forschung – eher kleinen Stichproben (z.B. n= 5-10) führt. (Theoretische Sättigung bedeutet, dass der das untersuchte Phänomen so weit erschlossen wird, dass (auch durch neue Daten, durch weitere „Versuchspersonen“, Studienteilnehmer) keine neuen Erkenntnisse mehr erwartet werden können. (Ludwig-Mayerhofer, 1999)).
Grundsätzlich gilt, dass die Datenauswertung, genau wie die Durchführung der Datenerhebung nach einer transparenten, systematischen Methodologie vorzugehen hat. Auch die Datenauswertung kann in Form einer Graphik veranschaulicht werden – was zur Transparenz des Auswertungsprozesses beiträgt.
Der typische Ablauf eines Forschungsprojekts gestaltet sich vereinfacht ausgedrückt folgendermaßen: Datenerhebung, Auswertung, Interpretation. Je nachdem, welche Forschungsmethode man verwendet, kann diese Reihenfolge aber auch „durcheinander gewirbelt“ werden: Im qualitativen Konzept der Grounded Theory etwa sind Datenerhebung und –auswertung ineinander verschränkt: „The grounded theory ..., with its notion of using the data analysis of the first interviews to modify the interview format in order to explore certain concepts in more depth. This recursive and iterative process is one that fits well with systemic practice, in which feedback informs and shapes further enquiry” (Burck, 2005, 244).
Es empfiehlt sich jedoch auf jeden Fall, sich angemessen Zeit zu nehmen, um den Schatz, die Essenz des Forschungsprojekts gut bergen zu können.
Die Möglichkeiten, eigene Forschungsergebnisse zu veröffentlichen, sind vielfältig. Es gibt zum einen dezidiert systemisch ausgerichtete Zeitschriften (nationale und internationale), die sich dafür eignen; zum anderen eignen sich natürlich auch (fast) alle anderen Publikationsorgane der eigenen Grundfachrichtung (etwa Soziale Arbeit, Psychologie, Medizin, Soziologie oder Ökonomie) hierfür. Der Reiz, in nicht ausdrücklich systemisch ausgerichteten Publikationsorganen zu veröffentlichen, liegt darin, dass systemisches Gedankengut dabei über den eigenen Zirkel sozusagen in die Welt hinaus getragen wird und sich dort (etwa anhand der Kriterien der Gutachter) bewähren muss.
Zudem können Fachzeitschriften danach aufgeteilt werden, ob sie einen sogenannten „Impact Factor“ haben oder nicht. Der Impact Factor ist ein vor allem im universitär-akademischen Kontext relevantes Maß dafür wie häufig die Zeitschrift zitiert wird. Es wird hierbei davon ausgegangen, dass eine häufige Zitierung einen Hinweis auf die wissenschaftliche Bedeutsamkeit der Zeitschrift liefert. Zum Impact Factor siehe hier.
Dezidiert systemische Publikationsorgane im deutschsprachigen Raum:
Publikationsorgane im deutschsprachigen Raum, in denen systemisch ausgerichtete Arbeiten schon veröffentlicht wurden:
Systemisch-familientherapeutische internationale Publikationsorgane
Es ist gar nicht so schwer, wie oft vermutet, einen Verlag zu finden, der die eigene Schreibe veröffentlicht. Natürlich gibt es für trockene wissenschaftliche Abhandlungen nicht so viele Abnehmer (mit Ausnahme spezifischer Verlage für die Publikation von Abschlussarbeiten, wie etwa der Peter-Lang-Verlag), aber gute systemische Abschlussarbeiten können über den „Verlag für Systemische Forschung“ im Carl Auer Verlag publiziert werden (mit Kostenzuschuss).
Wenn Sie ein wenig ein Händchen fürs Schreiben haben, dann möchten wir Sie ausdrücklich ermutigen, an Verlage heranzutreten mit den Ergebnissen und Ausarbeitungen Ihres Forschungsprojekts, zum einen um populärwissenschaftlich ihre Ergebnisse mit nützlichen praktischen Bezügen auch einem breiteren (Fach-)Publikum vorzustellen; zum anderen, um einem dezidierten Fachpublikum ihre Erkenntnisse in einer „benutzerfreundlichen“ Sprache verfügbar zu machen.
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